Conférence Internationale sur le Patrimoine Juif Européen, Paris 26.-28. jan. 1999

Peter Honigmann

Die Zentralisierung der Informationen über Projekte
zur Dokumentation jüdischer Grabinschriften
auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland

Zu den ersten Aufgaben, die der Zentralrat der Juden in Deutschland unmittelbar nach seiner Gründung im Jahre 1950 in Angriff nahm, gehörte die Instandsetzung und die Regelung einer dauerhaften Pflege der jüdischen Friedhöfe auf dem Gebiet der Bundesrepublik. Die zu diesem Zweck gebildete Kommission für Friedhofs-angelegenheiten nahm Verhandlungen mit den deutschen Regierungsstellen auf und erarbeitete unter Vorsitz von Dr. E.G.Lowenthal eine Liste aller jüdischen Friedhöfe im Bundesgebiet. Vor dem Krieg war Friedhofspflege eine Angelgenheit der lokalen Gemeinden und Verbände, es existierten also auch keine landesweiten Übersichten, auf die man in der neuen Situation hätte zurückgreifen können. Eine Liste, wie sie 1953 von Lowenthal vorgelegt wurde (1), auf der für die drei Westzonen gut 1600 Friedhöfe mit genauer Orts- und Flächenangabe verzeichnet waren, hatte es bis dahin nicht gegeben. Auf der Grundlage dieser Daten kam dann 1956/57 eine bundesweite Übereinkunft der Länder zustande, wonach Bund und Länder je zur Hälfte die Kosten für die Pflege übernahmen.

Einige Jahrzehnte später begann sich der Wunsch zu regen, die jüdischen Friedhöfe nicht nur als stumme Zeugen der Vergangenheit zu bewahren, sondern sie auch als Geschichtsquelle zu nutzen. 1971 veröffentlichte Lowenthal einen Artikel in der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung (2), in dem er unter Bezug auf erste vereinzelte Arbeiten eine systematische Beschäftigung mit dem Inschriftenmaterial der jüdischen Friedhöfe anzuregen versuchte. Ehe sie vollständig verwittern, sollten die Grabinschriften entziffert, festgehalten und wissenschaftlich genutzt werden. Wünschenswert wäre, wenn "sich die zentralen jüdischen Instanzen in Deutschland und die Spitzengremien der aus Deutschland ausgewanderten Juden im Zusammenwirken mit zuständigen deutschen wissenschaftlichen Stellen" die Erforschung der Inschriften zu einer vordringlichen Aufgabe machen würden. Tatsächlich ist es in den letzten drei Jahrzenten zu einer Dokumentationstätigkeit ungekannter Intensität gekommen, wenn auch die organisatorische Entwicklung in etwas anderen Bahnen verlief als Lowenthal dies vorgeschwebt hatte. Zahlreiche Personen und Institutionen gingen unabhängig voneinander und weitgehend unkoordiniert an die Arbeit. Seit 1985 sind auch die in Heidelberg befindlichen Institutionen des Zentralrats, zuerst die Hochschule für Jüdische Studien und ab 1987 das Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland mit beträchtlichem Aufwand an der Dokumentation jüdischer Grabinschriften beteiligt. Von Heidelberg aus wurden zunächst sämtliche jüdischen Grabsteine im Bundesland Baden-Württemberg fotografiert. Nach Abschluß der Arbeiten, die sich über sieben Jahre hinzogen, wußten wir, daß es 54 000 waren. In Zusammenarbeit mit dem Landesverband der jüdischen Gemeinden von Niedersachsen sind außerdem 5 000 Grabsteine in Niedersachsen fotografiert worden. Im Ergebnis dieser Anstrengungen wurde klar, daß die Kräfte nicht ausreichen würden, um eine einheitliche Bearbeitung sämtlicher jüdischer Friedhöfe im gesamten Bundesgebiet ernsthaft anzustreben. Aus zwei Gründen war dies auch gar nicht notwendig. Erstens war das Heidelberger Zentralarchiv durchaus nicht die einzige Stelle, die sich um die Dokumentation jüdischer Grabinschriften bemühte. Die lokalen Initiativen waren inzwischen so zahlreich geworden, daß man sie kaum noch überschauen konnte. Und zweitens gibt es kein wirklich wissenschaftliches Interesse an flächendeckender Vollständigkeit. Bei der Dokumentation jüdischer Grabinschriften steht man vor einem Mengenproblem. Eine erste Abschätzung ergab, daß es im heutigen Bundesgebiet an die 2000 jüdische Friedhöfe gibt, auf denen ungefähr 600 000 Grabsteine stehen (3). Und wenn man alle Dokumentationsprojekte zusammennimmt, ist bis zum Jahr 1993 etwa ein Fünftel der auf diesen Steinen vorhandenen Inschriften durch Fotografieren oder Abschreiben gesichert worden. Das war die Situation, in der man in Heidelberg beschloß, mit den Fotoarbeiten innezuhalten, und die vorhandenen Kräfte darauf zu verwenden, zunächst Informationen über die Dokumentationstätigkeit anderer Personen und Institutionen zusammenzutragen, um so eine Übersicht über die bereits geleistete Arbeit zu gewinnen, und dementsprechend den noch vorhandenen Handlungsbedarf besser abschätzen zu können. Es geht dabei sowohl um den Nachweis bereits vorhandener Dokumentationsergebnisse als auch um die Feststellung von Lücken, die unter Bezug auf noch zu erörternde Auswahlkriterien durch gezieltes Vorgehen in Zukunft geschlossen werden sollten.

Das Bedürfnis nach Übersicht wurde allerorts empfunden, und auch dabei fehlt es nicht an Versuchen, Ansätzen und Teilergebnissen. Man könnte einen eigenen Vortrag über die konzeptionellen Unterschiede dieser Übersichten halten. Ich möchte mich jedoch nicht lange damit aufhalten, sondern die mir zur Verfügung stehende Zeit vor allem dazu benutzen, das im Aufbau befindliche Heidelberger Modell vorzustellen. Zur Einordnung unserer eigenen Arbeit in die Forschungs-landschaft mögen wenige Bemerkungen genügen. Die zeitlich erste und vom Umfang her größte Übersicht ist wahrscheinlich das International Jewish Cemetery Project, das seit 1993 von der Association of Jewish Genealogical Societies betrieben wird (4), und mit seinen Ergebnissen im internet präsent ist (5). Die für Deutschland zusammengetragenen Informationen wurden außerdem in der Fachpresse veröffentlicht (6). Da die Übersicht weltweit konzipiert ist, gleichzeitig nur auf der Arbeit von Amateuren beruht, sind die Mitteilungen wenig strukturiert, sehr ungleichmäßig und in den meisten Fällen viel zu oberflächlich. Der Abstand zum Forschungsgegenstand ist hier einfach zu groß, die verfügbaren Kräfte und Mittel stehen in keinem Verhältnis zur selbstgestellten Aufgabe. Auf der anderen Seite gibt es mehrere Ansätze, Übersichten auf der Ebene eines Bundeslandes oder eines Regierungsbezirks zu erarbeiten. Da, wo man bereits über erste Entwürfe hinausgekommen ist, wie etwa in Bayern (7), Nordrhein-Westfalen (8) oder in den Neuen Bundesländern (9) steht nicht die Dokumentation der Inschriften sondern vielmehr die Darstellung der Friedhofsgeschichte im Vordergrund. Die vorhandenen Übersichten orientieren sich entweder am Interesse der Genealogen oder an den Fragestellungen der historischen Landeskunde. Die von uns in Heidelberg konzipierte Übersicht soll dagegen in erster Linie der Koordinierung und weiteren Planung der Dokumentationstätigkeit selbst dienen. Sowohl Genealogen als auch Landes- und Ortshistoriker werden ihren Nutzen davon haben, aber in erster Linie geht es um eine Dokumentation der Dokumentationen. Die Friedhofsgeschichte wird nur ganz kurz in wenigen Zahlen und Bemerkungen angedeutet, damit man weiß, wovon die Rede ist. Und die Resultate der Dokumentationstätigkeit werden nur nachgewiesen, nicht aber wiedergegeben. Wert gelegt wird dagegen auf eine genaue Beschreibung der Dokumentations-projekte. Soweit es gelang, Angaben darüber zu erhalten, werden jeweils die Organisationsprinzipien und die Dokumentationsmethoden dieser Projekte dargestellt. Bereits ein erster Eindruck von der Arbeitsweise zahlreicher Projektgruppen macht klar, daß eine sinnvolle Übersicht nicht auf ein Bundesland beschränkt werden kann. Die meisten Ansätze versuchen jedoch, diesen Rahmen, der für die staatlich organisierte Kulturarbeit in der Bundesrepublik maßgebend ist, auch für die Erarbeitung einer Friedhofsübersicht zu verwenden (10). Es kann gar kein Zweifel daran bestehen, daß die heutige Verwaltungsgliederung in jedem Übersichtsprojekt Berücksichtigung finden muß. Gleichzeitig darf jedoch nicht übersehen werden, daß die in der Inschriftendokumentation tatsächlich tätigen Personen, Gruppen und Institutionen oft durch ganz andersartige Zusammenhänge und Beziehungen zu ihrem Dokumentationsgegenstand gelangen. Das beste Beispiel für eine Aktivität, die nicht an den Grenzen eines Bundeslandes halt macht, liefert der auf dieser Konferenz anwesende Professor Brocke vom Steinheim-Institut in Duisburg. Wenn ich recht sehe, dann hat er jüdische Friedhöfe nicht nur in Nordrhein-Westfalen dokumentiert, d.h. im Sitzland seines Instituts, sondern auch in Berlin, Brandenburg, Rheinland-Pfalz und in Frankfurt, d.h. in Hessen, worüber wir gleich einen Bericht hören werden. Auch der mit einem privaten Büro arbeitende Naftali Bar-Giora Bamberger war bereits auf jüdischen Friedhöfen in sechs Bundesländern tätig. Judaistische Fragestellungen und die sich bietenden Forschungsmöglichkeiten machen nicht an der Grenze eines Bundeslandes halt. Mitunter ist ein Dokumentationsprojekt auch stärker mit einer Person als mit einer Institution verbunden, und wenn die Person den Ort wechselt, dann geht das Projekt mit, auch dafür ist Professor Brocke ein Beispiel. Aber auch Institutionen werden über die Grenzen ihres Sitzlandes hinaus tätig. So war das Heidelberger Zentralarchiv sowohl an Dokumentationsarbeiten in Baden-Württemberg als auch in Niedersachsen beteiligt. Und das Hamburger Institut für die Geschichte der deutschen Juden verwahrt Dokumentationsmaterial von jüdischen Friedhöfen in fünf verschiedenen Bundesländern. In dem Maße wie die Übersicht über die bisher geleistete Dokumentationsarbeit ein Hilfsmittel für die Forschung, d.h für die Orientierung und weitere Planung der Dokumentations-tätigkeit selbst sein will, muß sie in ihrer strukturellen Gestaltung auch den Bewegungen und Organisationsformen der Forschung Rechnung tragen. Das ist der Grund, warum die Heidelberger Übersicht grundsätzlich als eine bundesweite Übersicht angelegt ist. Lediglich für den schrittweisen Aufbau dieser Übersicht wird ein Bundesland nach dem anderen bearbeitet. Als erstes ist die Übersicht für das Land Niedersachsen fertiggestellt worden.

Die Präsentation der zusammengetragenen Informationen ist von Anfang an als eine mehrdimensionale Darstellung im internet konzipiert worden. Die Übersicht besteht im wesentlichen aus drei Listen. In einer Liste werden alle Friedhöfe aufgeführt mit jeweils kurzen Angaben zur Lokalisierung und zum Stand der Dokumentationsarbeiten. In einer zweiten Liste wird die gesamte einschlägige Literatur verzeichnet, und die dritte Liste ist der Beschreibung der Dokumentationsprojekte gewidmet. Alle drei Listen sind durch links miteinander verknüpft. Befindet man sich z.B. gerade in einer Projektbeschreibung, so wird man von dort durch links zu den von dieser Projektgruppe bearbeiteten Friedhöfen geführt. Dort kann man sich ein Bild über Alter und Größe des Friedhofs machen und findet außerdem Hinweise auf Veröffentlichungen zur Geschichte dieses Friedhofs oder eventuell auch auf andere Projektgruppen, die sich mit diesem Friedhof beschäftigt haben. Den jeweiligen Hinweisen kann man durch Anklicken der links nachgehen. Bei dieser Form der Datenpräsentation gibt es keinen Haupttext mehr, der durch Register, Fußnoten oder ein Inhaltsverzeichnis erschlossen wird. Jede der erwähnten Listen ist gleichzeitig Haupttext und Register in bezug auf die anderen Listen (11). In dieser mehrdimensionalen Textstruktur kann man die Lektüre an jedem beliebigen Punkt beginnen, und sich entweder innerhalb einer Liste auf- und ab- bewegen, oder man kann den assoziativen Verbindungen folgen, die von diesem Punkt der Liste ausgehen.

Zu diesem strukturellen Vorteil, den eine Darstellung im internet bietet, kommt auch noch die Möglichkeit ständiger Aktualisierung. Da es sich nicht um eine Übersicht über längst abgeschlossene Projekte handelt, die man nur einmal gründlich recherchieren muß, und dann in einer endgültigen Form publizieren kann, sondern um eine Übersicht, die aus der laufenden Forschung heraus entsteht und in diese als Arbeits- und Organisationsmittel zurückwirken soll, ist der Wunsch nach fortschreitender Vervollständigung und Verbesserung kein Mangel der Ausführung sondern Bestandteil der gestellten Aufgabe. Und es ist nicht nur so, daß ständig neue Dokumentationsergebnisse erarbeitet werden, auch der Dokumentationsgegenstand unterliegt Veränderungen. Obwohl die Grabsteine als Zeichen für die Ewigkeit gesetzt werden, ist ihre Anzahl durchaus keine konstante Größe. Auch auf Friedhöfen, die nicht mehr belegt werden, kann die Zahl der Steine sowohl zunehmen als auch abnehmen. So kommt es immer wieder vor, daß Grabsteine bei Friedhofsschändungen zerstört werden. Die meisten Zerstörungen fanden in der NS-Zeit zwischen 1938 und 1941 statt. Aber auch für die zurückliegenden Jahrzehnte mußten Schändungen mit Grabsteinverlust verzeichnet werden (12). Verschiedentlich kam es auch zu einer zweckfremden Nutzung der Grabsteine. Wenn an einem Ort keine jüdische Gemeinde mehr besteht, betrachten die in der Umgegend Wohnenden den Friedhof oft als aufgegeben und es kann dann vorkommen, daß die Steine als Baumaterial verwendet werden. Aber auch auf eine recht natürliche Weise können Grabsteine verschwinden, etwa durch Absinken in einem feuchten Untergrund (13). Und überall dort, wo Grabsteine auf die eine oder andere Art von ihrem ursprünglichen Platz verschwunden sind, können sie später auch wieder auftauchen. Der jüdische Friedhof in Bad Pyrmont etwa, südwestlich von Hannover, auf dem bis 1938 ungefähr 200 Grabsteine standen, ist in der Kristallnacht eingeebnet worden. In den ersten Nachkriegsjahren sind 22 dieser Steine dann wiederaufgerichtet worden. Das war der Zustand, den man bis vor kurzem als endgültig ansah. Vor zwei Jahren jedoch sind weitere 57 Steine ausgegraben und wiederaufgerichtet worden. Ein Arbeitskreis hat daraufhin mit der Dokumentation der Inschriften begonnen. Und auch im badischen Bruchsal erinnerte man sich erst vor etwa zehn Jahren daran, daß während der NS-Zeit mehr als 600 Grabsteine von dem nahe gelegenen Verbandsfriedhof in Obergrombach für die Befestigung eines Hohlwegs verwendet wurden. 1992 fing man dann an, diese Steine auf den Friedhof zurückzubringen, zu restaurieren und ihre Inschriften fotografisch zu dokumentieren. Die vor dieser Wiederentdeckung und Wiederherstellung durchgeführte Fotodokumentation des Heidelberger Zentralarchivs hatte deshalb nur die gut 500 Grabsteine zum Gegenstand, die auf dem Obergrombacher Friedhof stehengeblieben waren.

Aber auch wenn uns ständig noch neue Nachrichten über Friedhöfe, Dokumentationsprojekte und Veröffentlichungen erreichen, kann man mit Hilfe der im Aufbau befindlichen Übersicht in jedem Moment Bilanz ziehen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt liegt die Übersicht in ausgearbeiteter und über internet zugänglicher Form (14) nur für die jüdischen Friedhöfe im Bundesland Niedersachsen vor. Alle Zahlen, die ich von nun an nenne, bezieht sich also ausschließlich auf Niedersachsen. Insgesamt haben wir in unserer Liste 256 Friedhöfe erfaßt. Darunter befinden sich auch solche Friedhöfe, die überbaut wurden, auf denen keine Grabsteine mehr stehen oder über die wir keine genaueren Angaben zum Grabsteinbestand erlangen konnten. Die Gesamtsumme dieser für die Planung von Dokumentationen gegenwärtig nicht in Betracht kommenden Friedhöfe beläuft sich in Niedersachsen auf 61. Wir haben sie trotzdem aufgenommen, und zwar aus mehreren Gründen. Die Aufnahme nicht mehr existierender Friedhöfe dient zunächst der Eindeutigkeit. Die Übersicht soll jedem Interessenten die Möglichkeit geben, allen Erwähnungen von jüdischen Friedhöfen, besonders dann, wenn die Formulierungen etwas unklar sind, nachzugehen und sich ein möglichst genaues Bild zu machen. Sodann muß die Aussage, daß auf einem Friedhof heute keine Grabsteine mehr stehen, für die Kenntnis der Inschriften nicht das letzte Wort sein. Die Inschriften können z.B. vor der Zerstörung der Steine dokumentiert worden sein. So hat in Imbshausen der Genealoge Gerhard Ballin (15) im Jahre 1941 die wichtigsten Angaben von den damals noch vorhandenen 25 Grabsteinen abgeschrieben. 1951 sind dann fast alle Steine zertrümmert und für den Bau eines Hauses verwendet worden. Die Dokumentation der Inschriften kann auch nach Entfernung der Steine vom Friedhof erfolgt sein, so geschehen in Stade, wo die fotografische Aufnahme der Inschriften durch das nationalsozialistische Reichsinstitut für die Geschichte des neuen Deutschland erst angeordnet wurde, nachdem der Friedhof 1940 bereits abgeräumt worden war. Von ursprünglich 30 Grabsteinen stehen auf diesem Friedhof heute nur noch 3. Ein weiterer Grund, weshalb wir auch die zerstörten Friedhöfe in unserer Liste aufgeführt haben liegt in der Möglichkeit des Wiederfindens bereits verloren geglaubter Grabsteine. Es war bereits die Rede davon. Und es gibt noch einen vierten Grund. Bei der Dokumentation von Inschriften geht es heute nicht nur um die Gewinnung historischer Daten, in der Regel wird diese Tätigkeit auch als ein Akt der Erinnerung und der Pietät begriffen. Die Bewahrung der Gräber, auch wenn dort kein Grabstein steht, entweder weil er nie gesetzt wurde oder weil er inzwischen entfernt oder zerstört worden ist, ist gerade in diesem Sinne von Bedeutung. Ebenso wie die Umfriedung mit einer Hecke oder einem Zaun kann vielleicht auch die Erwähnung in einer Liste dazu beitragen, daß die Ruhe der Toten respektiert wird.

Wenn man die 61 nicht mehr existierenden Friedhöfe abzieht, bleiben noch 195 jüdische Friedhöfe im Bundesland Niedersachsen übrig, auf denen wir insgesamt 16 500 Grabsteine ermittelt haben. Die mit Hilfe der nunmehr vorliegenden Übersicht mögliche Bilanz ergibt, daß inzwischen so gut wie alle Inschriften entweder durch Abschreiben oder durch Fotografieren dokumentiert wurden. Obwohl 28 Einzelpersonen oder Projektgruppen in Niedersachsen tätig geworden sind, wurde die dokumentarische Hautpleistung von wenigen Großprojekten erbracht. Es gibt drei Personen bzw. Projekte, die jeweils zwischen 3000 und 6000 Grabsteine bearbeitet haben, hinzu kommen noch vier Projekte mittlerer Größe mit einer Leistung zwischen 600 und 1600 Steinen. Durch alle diese mittleren und großen Aktivitäten sind bereits mehr als 17 000 Inschriften abgeschrieben oder fotografiert oder wenigstens namentlich ausgewertet worden. Die Dokumentationsleistung übersteigt deshalb die Gesamtzahl der in Niedersachsen ermittelten Grabsteine, weil zahlreiche Friedhöfe doppelt oder mitunter auch dreifach bearbeitet wurden, ohne daß die Projektgruppen voneinander Kenntnis hatten. Die mit Hilfe der vorliegenden Übersicht ermittelte Doppel-dokumentationen betrifft ungefähr 4700 Inschriften. In einigen Fällen wurde die Dokumentation eines Friedhofs ganz bewußt ein zweites mal in Angriff genommen. Der spätere Bearbeiter hielt mitunter die früher ausgeführte Arbeit für ergänzungsbedürftig, oder ging bei seiner eigenen Arbeit von strengeren methodischen Anforderungen aus. Aber mindestens 2000 Steine sind Gegenstand einer Mehrfachdokumentation geworden, einfach weil die verschiedenen Projektgruppen nichts voneinander wußten. Die hier verausgabte Energie hätte gespart werden können, wenn die jetzt erarbeitet Übersicht bereits früher zur Verfügung gestanden hätte. Auf der anderen Seite sind in Niedersachsen bis heute noch insgesamt 572 Grabsteine vollkommen unbearbeitet. Man muß nicht umbedingt flächendeckende Vollständigkeit anstreben, aber ein gewisses Maß an Koordinierung könnte dazu beitragen, daß wirklich relevante und aussagekräftige Inschriften nicht unbeachtet bleiben, während andere zwei und dreimal erfaßt werden. Man behandelt die Dokumentation jüdischer Grabinschriften noch viel zu sehr als ein Mengenproblem, dessen Lösung nur eine Frage der Zeit und des Geldes zu sein scheint. Insbesondere die wenigen Dokumentation, die bereits vor der NS-Zeit in der Regel von jüdischen Gelehrten erarbeitet wurden, habe viel mehr die Relevanz der Inschriften in den Vordergrund gestellt. So hat sich Alfonso Cassuto 1929 in Emden für die Erforschung der Geschichte der sephardischen Juden in Norddeutschland nur den fünf portugiesischen Inschriften aus dem frühen 18. Jahrhundert zugewandt, während die restlichen mehr als 700 Steine erst in den siebziger Jahren fotografiert wurden (16). In Niedersachsen kann man die Dokumentationstätigkeit heute einigermaßen als abgeschlossen betrachten. Es geht nur noch um eine übersichtliche Darstellung der Resultat und deren Veröffentlichung und Auswertung. Aber das kann man durchaus nicht für alle Regionen der Bundesrepublik sagen. Und wir hoffen, daß unsere Übersicht da nicht zu spät kommt, wo noch realtiv große weiße Flecken auf der Friedhofslandkarte Planung und sinnvolle Auswahl notwendig machen.

 


Anmerkungen
Zur Liste der Veröffentlichungen
Zur Home Page des Zentralarchivs